Was wir Männer durch die Corona-Krise lernen können

Warum beschäftigt mich das Thema Mann-Sein?

 

Als Kind war ich ein ganz durchschnittlicher Bub, meine Mutter war zuhause und mit Haushalt und Kindern beschäftigt, mein Vater ging bevor ich aufstand zur Arbeit und kam zurück als ich schon schlief. Er wollte seiner Familie mehr bieten und entschloss sich daher berufsbegleitend zu studieren. Daher war er auch am Sonntag (Samstag war damals ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag) nicht für mich da. Stichwort vaterlose Gesellschaft.

 

In der Volksschule hatte ich eine liebe Lehrerin, die sich mit meiner Mutter über mich aussprach, wenn sie das für nötig hielt. Von Frauen gut betreut. Ein männliches „role model“ fehlte mir.

 

Ich wuchs heran und engagierte mich immer mehr für eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Ausbeutung, ohne Kriege und Gewalt. Ich kämpfte gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf und für die Erhaltung der Hainburger Au.

 

Ich gründete ein Unternehmen, das sich für Regionalität und nachhaltiges Wirtschaften einsetzte und machte ein Projekt nach dem anderen für die gute Sache.

 

Nebenbei heiratete ich und wurde Vater von drei Kindern, einem Sohn, zwei Töchter. 

 

Aber ich war mit meinen wichtigen Dingen so beschäftigt, dass ich wenig Zeit meiner Frau und meinen Kindern schenkte.

 

Ich ging in Psychotherapie um mit mir und meiner Rolle als Mann klarer zu kommen. Der männliche Therapeut fragte mich: Was willst du, dass die Menschen bei deinem Begräbnis sagen: Er war immer brav oder er war ein toller Mann. 

 

Dann suchte ich eine weibliche Therapeutin und die fragte mich: Was sagt dein Herz dazu? Aber mein Herz sagte gar nichts oder ich konnte es zumindest nicht hören. 

 

Immer mehr wurde in mir ein Unbehagen wach und ich fragte mich: Wer bin ich eigentlich als Mann? Das wollte ich wissen und so begann ich mich mit dieser Frage intensiv zu beschäftigen. 

 

Viele Jahre sind seither vergangen und das Thema konnte ich nie abschließen. Es bewegt mich immer noch. Und ich habe für mich ein paar vorläufige Antworten gefunden. 

 

Wenn ich über den Mann spreche, dann meine ich damit nicht, dass ein Mann einfach so und so ist, oder so sein sollte. Denn jeder Mann hat männliche und weibliche Seiten, ist also nie nur Mann. Umgekehrt hat jede Frau weibliche und männliche Seiten, ist also nie nur Frau. 

 

Es ist also weniger eine Polarität zwischen Mann hier und Frau dort, sondern ein fließendes, wechselndes Verbunden-Sein von männlichen und weiblichen Qualitäten und Energien. Das Yin-Yang-Symbol aus dem chinesischen Daoismus ist ein gutes Bild dafür: Yang ist das aktive, Impulse gebende Prinzip und wird als männlich bezeichnet. Es steht für Sonne, Tag, Licht und Bewegung. Yin verkörpert die passive, nach innen gerichtete Energie und gilt als weiblich. Yin steht für Nacht, Dunkelheit und Stille. Nun sind diese beiden Qualitäten in einem Kreis so miteinander verbunden, dass sich das weiße Yang und das schwarze Yin umfließen, also keinesfalls die Enden einer linearen Polarität bilden. Und was besonders spannend ist: Dort wo das Yang seine größte Ausdehnung im Kreis erreicht ist in der Mitte ein schwarzer Punkt. Und dort, wo das Yin seine größte Ausdehnung hat, trägt es in der Mitte einen weißen Punkt.

Übertragen auf die in unserem westlichen Sprachgebrauch oft polare Betrachtung von männlich und weiblich heißt das: Das männliche und das weibliche umfließen einander und dort, wo das männliche die größte Kraft hat, dort trägt es einen weiblichen Kern in sich.

 

 

 

Diese Betrachtungsweise ist eine ganz andere als jene, die sagt, Männer seien vom Mars und Frauen seien von der Venus, wie ein Bestsellerbuch von John Gray im Untertitel behauptet. 

 

 

 

Natürlich gibt es biologische und genetische Unterschiede, aber das Rollenverständnis, die Werte und Einstellungen und das Verhalten von Männern lässt sich nicht biologisch begründen. Wie Yang und Ying, männliche und weibliche Qualitäten in uns Männern wirken und miteinander kommunizieren ist gesellschaftlich und kulturell geprägt. Und gestaltbar, wandelbar, fließend. In steter Veränderung. 

 

 

 

Die Gesellschaft und Kultur ist der erste und bedeutendste Transformator der Geschlechterrollen.

 

 

 

Aber diese Transformation geschieht nicht auf Befehl von Machthabern oder Parlamenten, sondern – mit einem Fachbegriff ausgedrückt - EMERGENT, das heißt durch das Zusammenspiel vieler Faktoren entsteht ein neues Verhältnis und Verständnis von Geschlechterrollen. 

 

 

 

Eine wesentliche Rolle in dieser Transformation hat die Frauenbewegung, die im 19 Jahrhundert als Kampf um das Wahlrecht, das Recht auf Erwerbsarbeit und das Recht auf Bildung für Frauen entstand. Sie setzte sich im 20 Jahrhundert fort im Kampf für Gleichstellung und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Und sie prägt bis heute unsere Gesellschaft, weil das Ziel der Gleichstellung zwischen Männern und Frauen weder im privaten Leben, noch in den gesellschaftlichen Bereichen schon erreicht wurde. 

 

 

 

Dieser sich durchaus konfliktreich nun seit fast 200 Jahren in Bewegung befindliche Transformationsprozess lässt uns Männer oft nicht gut aussehen. Viele von uns kämpfen dagegen und untermauern dies durch ihre Machtpositionen. Viele von uns sind dadurch verunsichert: Wie sollen wir uns verhalten, neu definieren, was bleibt von unseren Rollenbildern übrig, wie können wir neue Bilder finden? Neue Verhaltensweisen aufbauen. Werden wir zu Softies, oder können wir doch die alte Männlichkeit erhalten, sozusagen, jetzt erst recht? 

 

 

 

Eines fällt uns Männern aber sehr leicht: Nicht darüber nachdenken, nicht darüber sprechen, vor allem nicht mit anderen Männern. Frauenkreise, in denen die eigenen Rollen reflektiert werden, gibt es schon seit einigen Generationen, Männerkreise, in denen Männer ihre Männerbilder teilen, und über ihre Gefühle, Ängste und Träume sprechen, sind bis heute eine Rarität. 

 

 

 

Die Coronakrise ist eine Chance

 

 

Die Coronakrise spitzt die Geschlechterverhältnisse zu und bringt sie ans Tageslicht. Die Kinder bleiben zu Hause und müssen nun ganztätig betreut werden. Viele Männer verbringen den Arbeitsalltag im Home Office und mussten ihre Arbeitszeit reduzieren. Oder sind arbeitslos geworden. Natürlich trifft das auch auf viele Frauen zu, insbesondere auf die große Zahl von Frauen, die im Handel oder im Tourismus arbeiten. Oder die Lehrerinnen sind. 

 

 

 

Aber in vielen Fällen sind es nun die Männer, die zuhause sind, und die Frauen, die arbeiten gehen. Denken wir nur an den Lebensmittelhandel oder den Gesundheits- und Pflegebereich. 

 

 

 

Wäre es in dieser Konstellation nicht eine riesige Chance für uns Männer, die fürsorgende Rolle und das Management des gesamten Haushalts zu übernehmen?

 

  

 

Hierzu gibt es natürlich eine Fülle von Antworten: Von “Mach ich eh immer, geh eh immer mit den Kindern Fußballspielen“ bis hin zu „Meine Frau möchte das lieber selber machen, weil sie meint, ich kann das nicht so gut wie sie“

 

 

Aber mir geht es nicht in erster Linie um eine ausnahmsweise Übernahme von Aufgaben, für die man eigentlich die Frauen zuständig wähnt, sozusagen als Notmaßnahme, um dann so bald als möglich zur sogenannten Normalität zurück zu kehren. Es geht auch nicht primär um ein Geschenk an die Frau. Es geht um das Erweitern unserer Kompetenzen als Mann, um das eigene Wachsen zu einem vollwertigen Menschen. 

 

 

 

Auf dem Weg zum ganzen Mann

 

  

 

Was soll der ganze Mann sein? Ist das nicht wieder eine der Illusionen aus der Selbstoptimierungsküche. Nein! 

 

 

 

Der ganze Mann ist in der Lage und bereit, passend zur jeweiligen Situation, unterschiedliche Rollen und Verhaltensweisen zu übernehmen. Rollenvielfalt statt Rolleneinfalt. Das erfordert jedoch, dass wir Männer verstärkt jene Qualitäten entwickeln, die uns traditionell, durch Kultur, Erziehung und unser oftmals auf einen schmalen Schatz sogenannter männlicher Qualitäten reduziertes Selbst, fehlen.

 

  

 

Ich komme auf meine Psychotherapeutin zurück, die mich fragte, was mein Herz sagt. Und ich musste leider antworten: Ich weiß es nicht, mein Herz spricht nicht mit mir! Genau um solche Wahrnehmungen geht es: Um die Qualitäten der Achtsamkeit auf die Botschaften aus dem eigenen Inneren, die Qualität der tiefen Empathie für andere, der Qualität des Mitleids für die durch die einseitige Überbetonung der männlichen Stärken geschwächte Natur.

 

  

 

Dar ganze Mann kann seine männlichen Qualitäten leben, er ist stark und mutig, er kann für eine Aufgabe kämpfen, und er tut dies alles immer mit der Brille und dem Korrektiv achtsamer Liebe. Er fragt sich immer wieder: Was sagt mein Herz dazu? Und er versteht die Antwort. Und er hört auf sein Herz. 

 

 

 

Wenn wir Männer dies lernen, dann werden wir um eine schwere Last erleichtert sein: Die männliche Einsamkeit. Die männliche Einsamkeit rührt aus dem nicht Verbunden Sein mit der weiblichen Seite der Welt, mit dem Yin, mit Mutter Erde, mit unserer Liebesquelle. Viele klassischen Defizite von uns Männern haben hier ihren Ursprung: Die Neigung zur Gewalt, zur Sucht, zum extremen Risiko, zum Narzissmus, ja zum Suizid. 

 

 

 

Es geht mir keinesfalls darum, dass Männer so werden sollen wie Frauen. Es geht mir darum zu erkennen, dass wir Männer mehr sein können, glücklicher sein können, wenn wir Rollenvielfalt praktizieren können. Und wenn wir über die dazu gehörenden Qualitätsressourcen verfügen. Wenn wir im fließenden Gleichgewicht zwischen Yang und Ying surfen können. 

 

 

 

Die jetzige Ausnahmesituation ist ein wunderbares Lernfeld, nutzen wir es. Nur ganze Männer und ganze Frauen können eine nachhaltige, faire, friedvolle Gesellschaft im Einklang mit der Natur bauen. 

 

 

 

Sicher ist, dass die Coronakrise vorüber gehen wird. Sicher ist aber auch, dass wir als Weltgesellschaft einer viel größeren Krise gegenüberstehen, die im Moment in den Hintergrund der Aufmerksamkeit gerückt wurde. Diese große Krise betrifft die Auswirkungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise auf die Natur. Es geht um die Krise des Klimas, um das Artensterben, die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts. Die Ausbeutung der Menschen in den Ländern der 3. Und der 4. Welt. Um unseren Umgang mit den Tieren, und um vieles mehr. 

 

 

 

Dieses gewalttätige und zerstörerische Umgehen hat viele Ursachen. Es ist für sich genommen zumeist nicht böse oder absichtsvoll destruktiv. Die meisten Politiker*innen, Unternehmer*innen und Konsument*innen wollen ja nur ein wenig mehr haben. Mehr Macht, mehr Geld, mehr Güter, mehr Wohlstand. Aber in Summe und über die vielen Jahre entsteht eine Tragödie, die uns das Corona-Virus gerade vormacht: Exponentielles Wachstum wirkt immer zerstörerisch und destruktiv.

 

 

Daher kommt es in der Natur normalerweise auch nicht vor. Jedes Wachstum findet seine Grenzen, auf Wachstum folgt Stillstand und Rückbau. Aus diesem beginnt wieder neues Wachstum, Stillstand und Rückbau. Ein ewiger Kreislauf, der aber auch Neues hervorbringt, komplexere Strukturen zum Beispiel. So funktioniert Evolution. 

 

 

 

Wenn wir dagegen unser derzeitiges System betrachten, sehen wir, dass es auf permanentes Wachstum ausgerichtet ist: Alles soll ewig mehr werden. 2- 3 % Wirtschaftswachstum, heißt die Devise, ohne die es angeblich nicht geht. Das bedeutet, dass sich alle Verbräuche und alle Güter in 35 Jahren (bei 2%) und alle 23 Jahre bei 3% Wachstum verdoppeln. Also in einer einzigen Generation. Und noch schlimmer: Nach 2 Generationen hat sich alles bereits vervierfacht.

 

 

 

Aber die meisten Menschen tun so, als ob dies möglich wäre. Und wünschenswert.

 

  

 

Was hat dies mit dem Thema Mann bzw. Männlichkeit zu tun? Ist es nicht so, dass die einseitige Dominanz von Yang, von einseitiger Männlichkeit, der Treibstoff für diese Form der Wirtschaft und Politik ist? 

 

 

 

Das Streben nach Globalisierung ist bis heute von einer männlich-militärischen Terminologie durchdrungen. Wir erobern Weltmärkte. Wir beherrschen den gesamten Weltmarkt. Wir schlagen die Wettbewerber vernichtend und übernehmen sie dann in unseren Konzern. Wir beuten ganz bewusst die Ärmsten dieser Welt aus, um unsere Marktposition zu stärken. Wir unterwerfen die ganze Welt. Wir kontrollieren unsere Mitarbeiter*innen mit Hilfe gefinkelter Instrumente.

 

 

Und in der Politik herrscht eine ähnliche Sprache, zumindest in den vielen rechts-gerichteten Systemen und Parteien.

 

 

 

Ich bin überzeugt, dass eine neuer, nachhaltiger und liebevollerer Umgang mit der Natur, den Menschen, Tieren und Pflanzen allein durch die intellektuelle Einsicht in die Notwendigkeit von grundlegenden Änderungen, allein durch die Formulierung von richtigen Zielen und Maßnahmenpaketen, allein durch Appelle und Warnungen von wachen Menschen, allein durch alle diese sinnvollen Dinge, nicht erreicht werden kann. Zusätzlich und vielleicht als Grundlage für das alles braucht es ein neues Wahrnehmen, Spüren, Einlassen auf die Natur, in uns und um uns. 

 

 

 

Wir müssen aus dem wahrgenommenen Gefühl unseres Herzens die Erfahrung machen, dass wir nicht die Herren der Natur sind, nicht die Herren über andere Menschen und Völker, sondern ein Teil von ihr sind. Dieser Weg ist für uns Männer schwerer zu gehen, denn wir sind noch immer ein Teil unseres Erbes, das von einseitiger Männlichkeit geprägt ist. Jeder Krieg ist ein Krieg einseitiger Männlichkeit, Kriege der Vergangenheit, die unsere männlichen Ahnen geprägt haben, genauso wir Kriege der Gegenwart und der Krieg gegen die Natur. 

 

 

 

Liebe Männer, wir haben einen weiten Weg vor uns, es wird kein Triumphmarsch und keine rasche Eroberung. Aber darum geht es auch nicht. Es ist eine Reise in eine ganz neue Welt, die im Inneren von uns schlummert und darauf wartet, mit staunenden Augen und offenen Herzen erfahren zu werden.

 

  

 

Geht ohne Absicht auf diese Reise, ohne Plan und ohne Waffen. Es zahlt sich aus!

 

 
Dr. Günter  Scheer

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Kommentare: 1
  • #1

    Martin (Sonntag, 10 Mai 2020 17:30)

    Vielen Dank für diesen wunderschönen und inspirierten Text!

    Liebe Grüße
    Martin