"Weltenwanderin" Artikel im KURIER
Ein Interview von Gabriele Kuhn mit Sonia Emilia
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Wunder, Scharlatanerie, Magie? Die Welt des Schamanismus ist so faszinierend wie unerklärlich. Doch immer mehr Menschen suchen Hilfe darin – wie die Arbeit der „Wanderer zwischen den Welten“ funktioniert, erzählt eine Vorarlberger Schamanin.

Auch Schamanen sind nur Menschen. Sie telefonieren mit dem Handy. Sie kommen mit dem Auto. Sie benutzen einen Stadtplan. Und sie sind schüchtern, wenn die Kamera klickt. Sonia Emilia Roppele fliegt weder mit dem Hexenbesen noch wirkt sie wie eine wilde Medizinfrau. Die Vorarlbergerin empfindet das ungewöhnliche Leben als schamanische Heilerin als ziemlich gewöhnlich und gibt sich bescheiden.

Ein Job wie jeder andere auch?
Zumindest aus wissenschaftlicher Sicht nicht. Denn wenn die Schamanin heilt, dann greift sie weder zu Stethoskop noch zu Skalpell. Vielmehr taucht sie ein, in eine „andere Art der Aufmerksamkeit“ – als Form der Bewusstseinsveränderung, auch Trance genannt – um die Ursachen für körperliche Krankheiten zu erkennen. Und sie nimmt Kontakt mit der verborgenen und geheimnisvollen Welt der „Geister“ (Spirits) auf, die ihr Botschaften mitgeben und sie unterstützen. Damit meinen Schamanen jene unsichtbare Schöpferintelligenz, die jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Stein, den Elementen, jedem Atom innewohnt. „Die wichtigste Begleiterin und Helferin beim schamanischen Heilen aber ist die Natur“, so Roppele – es gilt, mit ihr Verbindung aufzunehmen. Die Vorarlbergerin versteht sich dabei nur als Vermittlerin, als Werkzeug und Botschafterin der „Geister“, aber niemals als Heilerin im klassischen Sinn. Roppele: „Das Fundament des Schamanismus ist der Erfahrungsschatz vieler Generationen um die Heilkräfte der Elemente, der Natur und des Kosmos. Der Schamane steht mit der Welt der Geister und Götter in Verbindung – er ist ein Wanderer zwischen den Welten.“

Mit Hilfe der Spirits reisen Schamanen in eine andere Wirklichkeit und bekommen dort Rat, Hilfe und Unterstützung. Sie glauben zu wissen, dass alles mit allem in dieser Welt verbunden ist – ein Dasein und Gespinst von Wechselwirkungen, in die auch der Mensch eingebunden ist. Ein System, das nur dann gesund ist, wenn Gleichgewicht herrscht. Schamanismus hat Tradition – und liegt mehr denn je im Trend. Wissenschaftler sind überzeugt, dass er vermutlich zehntausende Jahre alt ist – wie Felszeichnungen in Höhlen vermuten lassen. Bei den Naturvölkern hat der Schamane – Medizinmann, Heiler, Zauberer – seinen fixen Stammes-Platz. Es gibt ihn bei den Eskimos, genauso wie bei den Indianern, in Schwarzafrika, Ozeanien, Australien, Asien, Nord- und Südosteuropa. Vermutlich versagen die meisten naturwissenschaftlichen Konzepte, wenn es darum geht, das Unerklärliche zu erklären. Felix R. Paturi („Heilbuch der Schamanen“): „Eine absolut gültige Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Schamanismus gibt es nicht.“ Erfolge lassen sich nur empirisch belegen – schamanisches Wissen basiert auf inneren Bildern, Erfahrung, Intuition. Manche Experten versuchen die Wirksamkeit schamanischen Heilens mit dem Phänomen der Zuwendung und des Rituals zu erklären. Wie der weiße Mantel des Herrn Doktor beeindrucke der Schamane mit geheimnisvollen Ritualen, Trommeln und Formeln. Mehr als andere könnten sich solche Menschen in die psychosoziale Situation von Kranken einfühlen, heißt es seitens der Wissenschaft. Die übrigens seit Jahren versucht, schamanische Heilungsrituale und Trancezustände zu erforschen. Auch an der Wiener Uni gab es Versuche, den körperlichen Zuständen während der Trance auf die Spur zu kommen. Das Ergebnis: erst zeigt das EEG höchste Aktivität, dann gleiten die Hirnströme mehr und mehr in einen Zustand, wie er fürs Schlafen typisch ist – Guttmann bezeichnete dies als „entspannte Hochspannung.“

Nicht immer also ist das Unerklärliche bloße Scharlatanerie. Zwar gibt es auch jede Menge unseriöse, selbst ernannte Heiler, die mit ihren Versprechen leichtes Geld machen. Dennoch: Seit 1980 ist der Schamanismus von der Weltgesundheitsorganisation als Therapie anerkannt. Vor allem in Südamerika arbeiten Schamanen eng mit Ärzten zusammen – selbst in Kliniken. Und auch im Westen suchen immer mehr Menschen schamanische Heiler auf. Roppele: „Für uns gibt es keine Trennung von Körper, Geist und Seele.“ Vermutlich ist es genau diese ganzheitliche Betrachtungsweise, weshalb sich Kranke einem Schamanen anvertrauen. Es wird nicht nur ein rein körperlicher Heilungsprozess angeregt, sondern auch ein spiritueller – der Mensch denkt nach, reist in sein Inneres und bekommt möglicherweise Botschaften über die Hintergründe seiner Erkrankung. Ein Bewusstwerdungs- und Veränderungsprozess kann entstehen, bei dem der Betroffene instinktiv begreift, worum es geht. Es kommt dadurch zu einer Versöhnung mit dem eigenen Schicksal. Kein Wunder, sondern eine Form von Selbstheilungsprozess. Roppele: „Ist auch nur eine Zelle im Körper gesund, kann noch Heilung stattfinden.“

Buchtipp: „Unterwegs in die nächste Dimension – meine Reise zu Heilern und Schamanen“
Clemens Kuby | Verlag Kösel


Von Gabriele Kuhn (Text)
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